Montag, 10. Oktober 2011

Der Straßenstrich wurde geschlossen – und nun?

Im Mai wurde der Dortmunder Straßenstrich geschlossen; eine hitzige und emotionale Debatte mit zahlreichen Verletzungen, Verwunderungen und Verzweiflung wurde zuvor geführt. Vom Kippen der Nordstadt war die Rede. Von einer Überfremdung war an den Ampeln zu hören. Nicht selten wurde das Problem wahlweise auf die EU, die für die Reisefreiheit verantwortlich sei, oder die Roma und Sinti, deren Lebensstil sich einfach nicht der Zivilisation anpassen könne, abgeschoben. Dass beide Begründungen deplatziert und letztere vor allem ein Relikt aus der alten, längst überwunden- geglaubten Ideologie der Nazis stammte, wurde nicht immer deutlich. Tragisch war das „Nicht- Handeln“ der Dortmunder Verwaltung, die lange Zeit dem Treiben und den Entwicklungen zuzuschauen schien.

Nun ist der Straßenstrich geschlossen. Jener Ort, der als Magnet für den starken Zuzug von Rumänen und Bulgaren angeführt worden ist. Zeit, noch einmal in die Nordstadt zu schauen. Was hat sich verändert? Was ist geschehen? Eine enorme Präsenz an Ordnungshütern, neudeutsch Task- Force, bestehend aus u.a. Ordnungsamt und Polizeikräften, ging mit der Schließung einher. Sie übernahmen das Zepter und – so schien es – wollten die Ordnung wieder herstellen. Alltäglich traf man in den ersten Wochen Razzien und Personenkontrollen in der Nordstadt auf. Ganze Parkstreifen wurden für Einsatzfahrzeuge gesperrt. Selbstzufrieden wurden die Gespräche an der Ampel geführt, die politischen Gremien freuten sich über Sicherheit und Ordnung und berieten sich, wie Sauberkeit hergestellt werden könnte. Das Sicherheitsempfinden schien zu steigen, die visuelle Belästigung durch Straßenstrichprostituierten sank ebenso wie der Freier- Such- Verkehr. Heute, im Oktober lässt sich feststellen, dass anscheinend von ehemals mehreren hundert Straßenstrichprostituierten ausschließlich etwa 30 übrig geblieben sind. Diese stehen jetzt im Wohngebiet.

Ein Erfolg aber wohl dennoch. Auch eine Belastung von umliegenden Städten und Kommunen ist momentan nicht festzustellen. Ein Erfolg, der so groß ist, dass nun die Task- Force ihren Einsatz bis zum Jahresende verlängert hat, um den Erfolg auch nachhaltig festigen zu können. Dies wird auch notwendig sein. Denn weder ist das Zusammenleben in der Nordstadt mit diversen Kulturen immer konfliktfrei noch sollte dem Irrglauben verfallen werden, eine Rückkehr des Straßenstrichs und der damit einhergehenden Begleiterscheinungen sei ausgeschlossen.

Wer aber nun der Überzeugung ist, die Probleme in der Nordstadt mit Ordnungskräften lösen zu können, der irrt ebenfalls. Rechtliche Ordnung ist das Fundament, auf dem die Gesellschaft dort aufbauen kann; sie ist Basis und Notwendigkeit zugleich. Darüberhinaus aber müssen weitergehende Ideen entwickelt, ausprobiert und wieder verworfen werden, um den Stadtteil in seiner Funktion als Integrationsmaschine zu stärken. Denn das zeichnet ihn aus und macht ihn interessanter als andere Orte im Ruhrgebiet.

Autor:
Florian Meyer

veröffentlicht:
platzebo.wordpress

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